Spontane Versuche

Liebe Spontane und solche dies werden möchten!
vor ein paar Wochen haben sich einige von euch anscheinend die Straße genommen. Dabei ist laut Bullen ja einiges an Pyrotechnik und auch einige Pflastersteine zum Einsatz gekommen. Wir freuen uns aufjedenfall, dass selbst die MoPo bemerkt hat, dass in letzter Zeit öfter mal spontane Demonstrationen in Dresden mit einigem Erfolg gemacht werden.
Damit das so bleibt, wollen wir euch hier noch zwei drei Sachen an die Hand geben:

– laut Twitter haben die Bullen im Anschluss versucht Spuren zu finden, vor allem abgebrannte Pyrotechnik eingesammelt. Das ist leider gängige Praxis. Auch richtig interessant sind für ihre Ermittlungen Jacken, Handschuhe oder Masken die im Umfeld aufzufinden sind. Dafür werden auch durchaus mal die Mülleimer im Umfeld durch stöbert. Wie die Menschen im
angehängten Text schreiben, ist die sicherste Entsorgung die, bei der definitiv niemand mehr an den Kram rankommt.

– Leider hat es auch drei Menschen getroffen die kontrolliert wurden. Ärgerlich aber auch noch kein Grund zur Panik. Meldet euch bei uns in der Sprechstunde wenn euch dann doch mal die Cops erwischt haben!

– Hausdurchsuchungen sind ein unschöner Wegbegleiter spontaner Geschichtchen. Bereitet euch darauf vor. Nicht nur wer kontrolliert wurde, hat dieses Risiko, sondern vielleicht auch Menschen die glücklich davon gekommen sind. Vielleicht wart ihr auch gar nicht mit von der Partie aber seid früher schon mal bei ähnlichen Sachen erwischt worden? Auch hier empfiehlt der angehängte Text: better safe than sorry.
Wegschmeißen ist die sicherste Lösung!

solidarische Grüße
euer ermittlungsausschuss

Hier nun der versprochene Text aus den weiten des Internets


Tipps und Tricks für Riots and Stuff

Am 12.12.2015 krachte es in Leipzig anlässlich eines Naziaufmarschs. Die Bullen hatte die Gegendemonstrationen und den Aufmarsch der Nazis räumlich stark voneinander getrennt, so dass ein direkter Angriff nicht möglich war. Stattdessen kam es zu einem stundenlangen Riot zwischen uns
und den Bullen. Der Leipziger Bullenpräsi Merbitz sprach in der Folge von schlimmeren Ausschreitungen als in Frankfurt anlässlich der EZB-Eröffnung, und diese wiederum waren um einiges heftiger als die in Hamburg anlässlich der angedrohten Flora-Räumung. Und auch zwischen diesen Großevents gab es einige kleinere Randalen, die sich alle sehen lassen konnten und die Straßenmilitanz wieder etwas sichtbarer machten, als sie es die letzten Jahre gewesen ist. Über den Sinn und Unsinn davon
wird herzlich gestritten und während manche von uns schon den kommenden Aufstand im Herzen tragen, fürchten andere, dass ihre ganze politische Arbeit damit in den Dreck gezogen wird.

Wir sind welche von denen, die das ganze prima finden, doch ist das hier kein Beitrag zu der Debatte, ob Randale hier und da jedes mal sinnvoll ist, vermittelbar sein muss und so weiter, sondern vielmehr an der Beobachtung orientiert, dass sowohl einige Leute erwischt wurden in letzter Zeit, als auch, dass wir die Beobachtung teilen, dass nicht alle, die sich am Riot beteiligen, ihre Möglichkeiten zur Vorbereitung voll ausgeschöpft haben. Um nicht falsch verstanden zu werden: Wir finden es absolut in Ordnung, wenn Genoss_innen ganz ohne Vorbereitung
randalieren, und wollen hier sicher nicht belehrend tätig werden, noch lässt es sich immer vermeiden, erwischt zu werden. Dennoch denken wir, dass die Zeit, die wir nun selber hier und da mal an einer Randale beteiligt waren, einige gute Gedanken und Erfahrungen mit sich gebracht hat und die wollen wir hier gerne mal mit allen teilen. Denn sowohl lassen sich die Wahrscheinlichkeit des Erwischt-Werdens, als auch die
negativen Konsequenten des Erwischt-Werdens reduzieren. Und das finden wir sehr sinnvoll, damit wir auch in Zukunft weiterhin schön miteinander unserer Feindschaft gegen den Staat, die Bullen, die Nazis, den Kapitalismus, das Patriarchat, etc einen kraftvollen Ausdruck verleihen können.

Wir beginnen mit der Zeit vor dem Riot Wir handhaben das so: Nicht nur während eines Riots achten wir auf die Art, wie wir uns verhalten, sondern auch in der Zeit, wo wir unseren gewöhnlichen Alltagsgeschäften nachgehen. Wir fragen uns: Welches Verhalten kann dazu beitragen, dass die Bullen und die
Staatsanwaltschaft es bei ihren Ermittlungen leichter haben, uns zu erwischen. Das ergibt natürlich eine ganze Reihe von Aspekten und manche davon erweisen sich dann als völlig inpraktikabel, aber hier sind ein paar ganz allgemeine Punkte, die wir wichtig finden.

Fangen wir mal an mit dem Handy. Keine Frage, Telefone und Handys sind grundsätzlich eine brauchbare Sache. Allerdings haben sich mit ihnen die Möglichkeiten der Überwachung vervielfacht. Hierzu gibt es bereits sehr nützliche Texte, die den technischen Hintergrund erläutern, das wollen wir hier nicht ausführen. Für die Praxis ergibt sich daraus ganz einfach
folgendes: Das Handy bleibt so oft es geht zu Hause. Auch bei
gewöhnlichen Ausflügen, dem Besuch bei Freunden, usw. Ein paar von uns haben es gleich ganz abgeschafft. Der Grund hierfür ist: Immer mal wieder ergibt sich zufällig ein Gespräch, bei dem es dann ungewollt um strafrechtliche Aspekte geht und schon geht das Hantieren los. Wer hat noch ein Handy dabei, ist es aus? Reicht es, dass es aus ist? Wohin mit den Geräten? Etc. Das nervt und birgt immer das Risiko, dass man vergisst, dass noch ein Handy in der Tasche ist. Durch ein konsequentes
zuhause lassen, kann jede_r etwas dazu beitragen, dass niemand zumindest durch diese Nachlässigkeit in Schwierigkeiten kommt. Außerdem: Besonders interessant ist für die Ermittlungsbehörden auch, wer sich wann wo mit wem getroffen hat, und diese Infos liefern ihnen die zahllosen Handys,
auch wenn sie dann am Treffpunkt ausgeschaltet, oder in eine Kiste gepackt und beiseite gelegt werden. Wir finden diesen Aspekt besonderswichtig: Angenommen, eine_r von uns wird erwischt. Die Anschlussfrage, die sich selbst der dusseligste Bulle stellen kann ist: Mit wem war er/sie unterwegs? Wo war er/sie zu welchem Zeitpunkt? Die Antwort wollten wir nicht freiwillig rausrücken, aber gerade Handys und ihre Google und Apple Kontos etc liefern sie auf dem Silbertablett. Darauf zu
achten, ist sicherlich umständlich, aber noch umständlicher ist es,
irgendwann in einer Gefängniszelle zu sitzen. Diese ganze
Handyüberwachung ist übrigens auch noch aus anderen Gründen der letzte Dreck, weswegen es neben dem Riotaspekt auch noch etliche weitere gibt, die Dinger in die Tonne zu kloppen. Es gibt, so wie wir es sehen, weder irrelevante Daten (nach dem Motto „ach wen soll das denn interessieren, das ist doch egal, wenn sie das wissen“), noch irgendeine wirklich
sichere Nutzung von Handys. Auch Apps, die dir das Gegenteil (zb durch Verschlüsselung) vermitteln, solltest du nicht trauen. Was für das Handy gilt, gilt auch für das Internet und den Computer. Wenn du dort nicht darauf achtest, was du wie machst, dann lieferst du etliche Hinweise darauf, wer du bist und was du gerne machst, schon lange bevor du überhaupt an einem Riot teilgenommen hast. Daher achten wir auf verschlüsselte Kommunikation am Rechner, darauf, das wir keine besonders
unsicheren Betriebssysteme nutzen (Windows, MacOS) und auch darauf, dass wir uns so anonym wie möglich im Netz bewegen. Letzteres bedeutet immer ein abwägen zwischen Komfort und Sicherheit, und auch wenn wir nicht bei jeder Internetnutzung auf Sicherheitsaspekte Rücksicht nehmen, so führen wir doch einen regelmäßigen Austausch darüber und versuchen auf dem
aktuellen Stand zu bleiben. Das gilt sowieso für den Umgang mit jeder Technologie: Wer sie nutzt, sollte sich auf dem aktuellen Stand halten. Die technologischen Möglichkeiten wachsen derzeit in einem irren Tempo, und wir zumindest wollen nicht irgendwann wie die Doofs dastehen und denken: Na DAMIT hätten wir uns wohl besser mal früher beschäftigt (was
natürlich immer noch der Fall sein kann). Mindestens für Recherchen, Lesen von strafrechtlich bedenklichen Artikeln und dergleichen, empfehlen wir den Einsatz von TAILS, für den täglichen Bedarf den Einsatz eines verschlüsselten Linuxsystems, für das Surfen den Einsatz von Firefox, am besten in Verbindung mit TOR, sowie den Verzicht auf das Nutzen von Googlediensten aller Art. Ein absolutes NOGO ist für uns aus
vielerlei Hinsicht die Nutzung von Facebook und wir raten allen, die gerne randalieren von der Nutzung ab. Warum eigentlich kein Facebook? Nun ja, Facebook ist leider der letzte Dreck. Darüber sich auszulassen würde absolut den Rahmen sprengen, aber genau so sprengen die Analysemöglickeiten die Facebook (und auch google) bieten, auch alle unsere Vorstellungskraft und daher ist die Nutzung im Mindestens so schlimm wie das Blabla an der Kneipentheke. Wo wir gerade beim Thema sind: Ein weiterer Aspekt auf den wir achten ist, dass wir nicht in unpassenden Momenten über Riots und unsere mögliche Beteiligung sprechen. Das führt dazu, dass du manchmal etwas komisch auf Leute wirkst. Fast jede_r ist neugierig, und wenn deine Geheimniskrämerei all zu offensichtlich wird, bist du eigentlich schon ein wenig gearscht, aber damit muss man leben können. Wir finden es jedenfalls wichtig, mit niemandem über unsere Riotangelegenheiten zu sprechen, außer mit denen,
wo ein Austausch sinnvoll und unerlässlich ist. Das passiert natürlich trotzdem hin und wieder mal, aber wir versuchen es auf ein Minimum zu begrenzen, zumindest dann, wenn nicht eine ganz explizite Absicht dahinter steckt, offen damit aufzutreten.

So eine Verschwiegenheit kann auch für einen selbst recht schwierig werden, denn wir erleben ja einige nicht gerade unspektakuläre Sachen, wenn wir unterwegs sind. So etwas teilen wir eigentlich gerne, und vielleicht geht es ja auch mal darum, ein wenig Anerkennung für die Taten abzugreifen, die einem so viel abverlangen. Aber wir empfehlen trotz allem, sich lieber genau mit diesem Aspekt in der Bezugsgruppe auseinander zu setzen, als ihm blind nachzugeben. Denn wie für alles worüber wir schreiben gilt: Vorsicht ist besser als Nachsicht.

Hast du eigentlich ein aufgeräumtes Zimmer? Dass muss natürlich jede_r so handhaben wie es zu einem passt, aber was wichtig ist: Es ist nie so richtig klar, wann es zu einer Hausdurchsuchung kommt, und auch nicht, weswegen es zu einer Hausdurchsuchung kommt. Daher achten wir regelmäßig
darauf, dass unser Zimmer, egal ob ordentlich oder chaotisch, zumindest immer aufgeräumt ist und zwar aufgeräumt in der Hinsicht, dass möglichst wenig belastendes Material herum liegt. Was zb nicht herum liegen sollte, sind:
Feuerwerk, Zwillen, zu viele Kleidunsstücke einer Sorte, zb Handschuhe, Hassis, Überziehjacken,  Bekenner_innenschreiben, Texte wie dieser hier, und so weiter. Da macht es nicht immer der einzelne Gegenstand, aber die
Masse sollte vermieden werden. Wenn die Bullen schon den Aufriss machen, bei dir mit einem „Guten morgen, Hausdurchsuchung“ vorbeizukommen, dann wollen sie auch unbedingt was mitnehmen. Und darauf solltest du einfach
gut vorbereitet sein, auch und gerade wenn gar nichts konkretes anliegt, du aber im allgemeinen „im Geschäft“ bist. Gerade wenn sie nicht das finden, was sie suchen, werden sie schauen, ob irgendetwas anderes da ist, was sie gegen dich verwenden können.

Kommen wir zu einem weiteren Punkt: Riots kosten Geld. Nein, wir meinen jetzt nicht die Sachschäden im x-stelligen Bereich von denen immer geredet wird, das müssen wir ja nicht bezahlen, wir meinen das Geld, was es für uns kostet, wenn wir uns vorbereiten. Dieser Aspekt sollte nicht unterschätzt werden. Ja wieso, mag man sich nun fragen, Steine kosten doch nichts. Das stimmt natürlich, aber Handschuhe kosten Geld, Wechselklamotten kosten Geld, Feuerwerk kostet Geld, Fahrten kosten Geld, Anwälte kosten Geld, usw. Es ist für uns also immer auch wichtig, das wir über die Geldfragen reden und da schauen wir, dass wir das möglichst so verteilen, dass keine_r in finanzielle Schwierigkeiten kommt. Aber: Vorrang hat da für uns die Sicherheit. Das heißt, das wir uns gegenseitig auch Geld schenken und so, damit niemand jetzt zu oft zb die gleichen Klamotten benutzen muss, denn wir legen Wert darauf, häufig
unterschiedlich auszusehen. Es gibt ja einige Leute, die laufen für ihr Leben gern in ihren sehr praktischen Northface, Jack Wolfskin, etc Jacken rum, und ein paar davon kleben sich dann die Schriftzüge ab, wenn sie randalieren oder demonstrieren gehen. Uns persönlich reicht das nicht, wir achten darauf, dass wir nach Möglichkeit Sachen dabei haben, die uns keinen Moment des Überlegens kosten, sie wegzuwerfen. Und davon besorgen wir uns einfach regelmäßig neue. Und das würden wir auch empfehlen und zwar für Klamotten in jeder Hinsicht, also
Schuhe, Hose, Jacke, Handschuhe und so weiter, von Socken und Unterwäsche mal abgesehen. Dies führt dazu, dass wir manchmal nicht so sehr gut gekleidet wirken, wenn wir auf einer Demo auftauchen. Aber, anders als das für manche ist, sind für uns solche Angelegenheiten keine Stylefrage, und wir raten auch dazu, die Stylefrage nach hinten zu stellen. War es das zur Vorbereitung? Fast eigentlich, bleibt nur noch der Teil der Absprachen und konkreten Vorbereitung. Was wir bisher
geschrieben haben, war ja noch recht allgemeiner Natur, kommen wir nun zu der Zeit, die unmittelbar vor einem Riot liegt.

Hier beginnen wir rechtzeitig, alles durchzusprechen. Wo müssen wir hin? Wie sieht es dortaus? Welche Möglichkeiten gibt es dort? Haben wir alles, was wir brauchen? Wer besorgt was? Kommen Genoss_innen die wir kennen? Ist jemand von uns krank oder angeschlagen? Hat jemand Angst, hat jemand
Sorgen und Bedenken? Die letzte Frage ist für uns immer besonders wichtig. In ihr steckt ein kritischer Punkt. Denn zum einen können wir uns alle in so eine Angst und Bedenken auch versteifen und hineinsteigern, dann wird es eigentlich zur unmöglichen Angelegenheit, etwas zu unternehmen. Zum anderen verweisen Ängste und Bedenken aber zum Teil auch auf Fehler in der Planung oder eine unzureichende Vorbereitung, und dann kann noch nachgebessert werden. Sich mit den eigenen Ängsten immer wieder mal zu beschäftigen ist eine gute Sache, es hilft beim Umgang. Wichtig ist natürlich, niemanden für Ängste zu verurteilen oder diese nicht ernst zu nehmen, genau so wichtig ist es, sich durch Ängste nicht zur Handlungsunfähigkeit bringen zu lassen. Je besser unser Umgang damit, umso freier ist der Kopf und das ist immer eine gute Sache. Noch was zu den vorbereitenden Gesprächen: Was Riots angeht, ist fast jede_r, wie es scheint, Expert_in.

„Es ist immer so“, „Es ist klar, die Bullen so und so“, „Da geht auf
jeden Fall das und das (gar nicht)“. Das es dieses exakte Wissen gibt, ist erstaunlich, wo doch die meisten wirklich eine sehr dürftige Rioterfahrung haben. Denn es ist ja leider so, dass es in Dland kaum Riots gibt. Zu sagen: Es wird auf jeden Fall genau so oder so oder so laufen, das ist einfach Blödsinn. Wir finden es immer sinnvoll, wenn wir es schaffen, nicht so miteinander zu reden, sondern eine Offenheit gegenüber dem Kommenden haben. Es ist weniger wichtig für uns die Frage zu beantworten: Wird es genau so oder so kommen, als die Frage danach: sind wir auf das vorbereitet, was wir machen wollen, ist uns klar was
unser persönliches Ziel ist, und haben wir dafür alles, dass wenn sich die Gelegenheit bietet, wir dann Handeln können? Es ist wirklich ein saublödes Gefühl, wenn wir auf einmal irgendwo stehen, wo sich definitiv eine Möglichkeit bietet, von der vorher noch gesagt wurde „das wird auf keinen Fall so kommen“, und dann haben wir unser Zeug nicht dabei. So ein hättehättefahrradkette führt schnell dazu, dass wir uns dann
vielleicht doch einmal zu einer unüberlegten Sache hinreißen lassen, die auch gut gehen kann, aber wir sind lieber gut vorbereitet. Daher versuchen wir vorher alles schick durchzusprechen und ab die Post.

Noch zwei kurze Sache: Nicht überplanen. Wir haben festgestellt,
dass wir Stunden und Stunden über etwas reden, ohne das wir jedoch dann mit allen Gesprächen etwas anfangen zu können, weil es doch völlig anders kam. Wir finden persönlich daher eine flexible Vorbereitung gut: Überlegen, worauf wir Bock haben und sich darauf vorbereiten, aber eben auch offen bleiben für die Möglichkeiten die sich ergeben können. Zu viel Planung, das berücksichtigen von zu vielen Details, führt auch dazu, dass wir uns auf einen zu konkreten Ablauf fokussieren und dann nicht mehr schnell umswitchen können, wenn es doch anders kommt, oder alles über den Haufen geworfen werden muss, weil sich ein Detail im großen Plan geändert hat, der dann alles zusammen fallen lässt. Dann ist die Enttäuschung riesengroß, weil so viel Zeit für das Planen drauf ging. Es geht schließlich nicht um eine nächtliche konkrete Aktion, wo eine detailreiche Planung funktionieren kann, sondern um eine Randale, wo sehr viele Faktoren sich sehr dynamisch entwickeln.

Die andere Sache: Nicht unterplanen. Nicht losfahren mit der Haltung, dass jemand anderes schon starten wird. Nicht darauf bauen, das irgendwelche ominösen Gestalten den Riot kicken und dann geht’s ab. Selber diese ominöse Gestalt sein, das ist eigentlich das Schönste. Losfahren, vorbereitet sein, um vielleicht nur einen Böller oder einen Farbbeutel zu werfen und gut ist, es muss nicht immer das volle Programm sein.

Vielleicht ist es ja genau DER passende Böller oder Farbbeutel, den du brauchst. Und für uns ist es angenehmer, den Beutel und die Böller wieder mit heim zu nehmen, oder irgendwo zu entsorgen, als im passenden Moment nichts dabei gehabt zu haben. Zuguterletzt ganz konkret noch ein paar Tipps: Für jeden Riot eine Wechseljacke. Ein neues paar Handschuhe (Nie ohne Handschuhe). Eine Hassi (keine Mütze/Käppi und Schlauchtuch,
die sind zwar demotauglich aber nicht riottauglich), ein paar komplett schwarzer Schuhe. Wechselklamotten, über die deine schwarze Wechseljacke drüber passt. Eine schwarze Hose. Material sauber einkaufen und gegebenenfalls noch einmal reinigen, so dass es keine oder zumindest so wenig Spuren (Fingerabdrücke, DNA) an sich hat, wie irgendmöglich. Falls
du telefonieren willst/musst, ein neues Handy mit geladenem Akku, mit neuer Simkarte, die du nicht von zuhause freigeschaltet hast und die du nicht zuhause ins neuen Handy einlegst.

Während dem Riot
Es gibt für uns keine feste Regel, wann es losgehen sollte. Manchmal bereiten ja Leute etwas vor, wenn wir etwas davon wissen, halten wir uns daran oder nicht, je nachdem ob wir es brauchbar finden oder eben nicht. Wir überlegen für uns: Wollen wir randalieren ja oder nein, und wenn ja, dann nehmen wir unsere Sachen mit (siehe oben) und es kann losgehen, oder eben nicht. Manchmal wissen wir es vorher, manchmal nicht. Für uns ist es auf jeden Fall wichtig, nicht all zu sehr schon in den Fokus der Bullen zu geraten, bevor es losgeht. Unserer Erfahrung nach ist es so, dass ein Riot am ehesten da losgeht, wo eben wenig oder keine Bullen sind, und dann suchen wir auch diese „Orte“ auf. Umkleiden tun wir uns auch so gut es geht außer halb der Bullenüberwachung und wenn es nicht anders geht, dann ziehen wir uns zumindest soweit es geht in eine Masse von Menschen zurück und machen uns so klein es geht oder oder oder. Wichtig ist eben, dass die Bullen uns nicht sehen. Einige von ihnen sind dumm wie Stroh, sie begreifen nicht, was wir machen, aber andere können sich Sachen gut merken, zum Beispiel wie wir aussehen, bevor und nachdem wir uns umgezogen haben, wenn sie den Moment mitbekommen, wo wir es tun.

Daher vermeiden wir es auch, halbumgezogen rumzulaufen. Also entweder Riotoutfit an, ODER normales Outfit, aber nach Möglichkeit keine Mischformen. Es gibt auch Bullen, die sind geradezu darauf spezialisiert, Leute wieder zu finden, weswegen dieser Aspekt sehr wichtig ist, sowohl die ganze Zeit während etwas los ist, als auch auf Anreise und Abreise. Das BFE ist hier ein besonderes Ärgernis, das zwar auch zu umgehen ist, aber immer ein wenig spezieller Beachtung bedarf. Zum einen haben sie immer Minimum eine Person, die filmt, und die  Filmaufnahmen sind mittlerweile ziemlich gut. Sie werten die Filme schon aus, während die Action noch läuft, wenn sie können, um dann im Anschluss noch Leute zu fangen. Und zum zweiten haben sie zivile Tatbeobachter, die in Zivil herum schlunzen, und von Anfang bis Ende mit am Start sind, und dabei zuschauen, wer sich umzieht, und wie die Person dann nachher aussieht und dann latschen sie dieser Person hinterher, bis
ihre Kolleg_innen kommen und sie ihnen ein Zeichen geben, dass sie hinter einer Person stehen, die zu schnappen ist. Daher ist ein guter Moment zum Umziehen so wichtig, sowohl vorher als auch nachher. Aber klar ist natürlich auch: Je besser die Vermummung, also je weniger Merkmale sie später wiedererkennen, desto besser. Daher beim Vermummen
immer auf Vollständigkeit achten. Zb haben wir manchmal extra weite schwarze Jacken, damit nicht gut zu sehen ist, ob wir dick oder dünn sind, wir nehmen immer eine Hassi und kontrollieren gegenseitig, ob noch Haare raus schauen irgendwo, oder irgendetwas anderes, was man erkennen könnte. Und deswegen ist es für uns auch wichtig, dass wir uns so selten hin und her umziehen wie es geht.

So ein Riot ist schon eine sehr, sehr aufregende Sache. Vor allem aber, wenn du nicht am Rand stehst und zuschaust, sondern sozusagen mittendrin bist. Dies bringt auf jeden Fall bei uns eine Reihe von Effekten mit sich, die so im allgemeinen weniger häufig vorkommen. Zum Beispiel Adrenalin. Adrenalin hat eine Reihe für den Riot ziemlich brauchbaren Effekten. Die Bullen haben diesen Effekt übrigens auch, weswegen sie sogar speziell trainieren, um diesen Effekt besonders gut kontrollieren zu können. Wir persönlich sind jetzt keine Bullen und trainieren das
auch nicht speziell, auch wenn wir diesen Gedanken nicht verwerflich oder so finden. Aber ein wenig hilft es uns, sich mit diesem Effekt zu beschäftigen. Es ist zb so, dass freundliche Absprachen nach einem starken Adrenalinkick nicht mehr so leicht möglich sind und der Ton irgendwie wechselt, was ganz schön nerven kann, vor allem, weil ja nicht alle gleichzeitig einen Adrenalinkick bekommen und er auch nicht bei allen die gleiche Wirkung hat. Der eine will auf einmal weg, die andere noch mal offensiv nach vorne, und dann ist es zusätzlich noch schwierig,
sich in dem eigentlich angemessenen Ton miteinander zu verständigen. Das kann schonmal kränkend sein, und wir finden es sinnvoll sich dann zu einem anderen Zeitpunkt darüber auszutauschen, während wir unterwegs sind, hat es sich bisher nicht als sinnvoll heraus gestellt.

Sowieso schwierig die Entscheidungsfindung. Normalerweise würden wir alles ausreichend erörtern, und alle sollen ihre Positionen ausführen. Im Stress ist das meistens eher nicht so möglich. Daher teilen wir uns vorher schon mal gruppenintern auf, wer mit wem rumzieht, damit sich nicht alle immer mit allen absprechen müssen, was oft sowieso nicht geht. Für den Riot selbst gibt es natürlich auch einige Sachen zu beachten. Zum Beispiel: Wenn du nicht so weit werfen kannst, dass du etwas triffst, was du auch treffen willst, dann musst du weiter nach
vorne. Wenn du dich nicht weiter nach vorne traust, oder es nicht geht, dann kannst du nicht werfen, oder du musst dir ein Ziel in deiner Reichweite aussuchen. So einfach ist das, aber im Eifer des Gefechts fliegen natürlich Sachen kreuz und quer, und es kann passieren, dass du von deinen Genoss_innen beworfen wirst, obwohl es keinen Grund dafür gibt. Das liegt dann daran, dass sie sich an diese einfache Regel nicht halten konnten, weil sie zum Beispiel zu aufgeregt waren oder sich selber überschätzen oder dich eventuell nicht leiden können, und
deswegen auf dich werfen und es anschließend auf die Aufregung schieben. Uns ist ein wenig egal, was der Grund ist, wir versuchen jeden Treffer auf eine_n Genossin zu vermeiden so gut es geht und raten auch allen dazu, es auch so zu machen.

Wenn die Bullen angerannt kommen, ist es sinnvoll nicht völlig Hals über Kopf wegzurennen, aber es wird trotzdem fast immer gemacht, selbst wenn die Zahlenverhältnisse für uns sprechen. Manchmal ist es sinnvoll in solchen Situationen etwas Beruhigendes zu rufen, zum Beispiel „ruhig ruhig“, allerdings solltest du dann nicht selber weglaufen. Wenn du wegläufst, lauf niemanden über den Haufen, wenn du jemanden über den Haufen rennst, hebe ihn oder sie wieder auf. Was wir am Rennen nicht mögen: Die Langsamen erwischt es trotzdem und wir laufen
nicht gerne vor Bullen weg. In Deutschland haben sich die Bullen in gewisser Weise auf den Nahkampf spezialisiert und wir fänden gut, wenn wir ihnen diesen Zahn wieder ziehen können, dafür müssen wir uns aber alle noch etwas überlegen. Diese Rennereien sind Scheiße, wir haben auch schon gesehen, dass Leute über andere drüber gerannt sind, und das geht halt nicht. Wenn jemand auf dem Boden liegt, versuchen wir auf jeden
Fall diese Person zu retten. Das ist selbstverständlich mag jetzt gesagt werden, es wird aber nicht wie selbstverständlich praktiziert und einige praktizieren viel mehr: Ich bin froh wenn ICH hier heil raus bin. Moralische Vorwürfe sind hier fehl am Platz, aber wenn du darauf achten kannst beim Riot nicht all zu bald in Panik zu verfallen und weg zu rennen, und wenn du rennst noch auf andere achtest, dann ist schon viel gewonnen.

Ein Riot ist für uns kein Ort der Diskussion. Wenn wir was sehen, was wir scheiße finden, dann rufen wir das schon mal, aber dabei belassen wir es. Wir mögen es auch nicht, wenn wir plötzlich vollgequasselt werden, was jedoch wenn dann eher von Leuten kommt, die allgemein keine Randale wollen und solche Gespräche führen wir eher nicht so gerne, während wir beschäftigt sind. Wir sind dann auch oft zu aufgebracht, um
sinnvolle Argumente zu finden. Deswegen lassen wir es, so gut es geht. Leute, die Barrikaden wieder abbauen, schnauzen wir auch schon mal an, wenn Leute jemanden festhalten, um ihn oder sie den Bullen auszuliefern, finden wir es mehr als angebracht, diese Person zu retten und tun dafür, was nötig ist. Wir finden es gut, wenn alle darauf achten, und das klappt ja auch meistens ganz gut.

Für unsere Bezugsgruppe versuchen wir immer, einen gemeinsamen Überblick darüber zu haben, ob noch alle da sind. Für den Fall, dass wir uns verlieren, haben wir immer einen Treffpunkt für einen Zeitpunkt nach dem Riot, weg vom Geschehen, wo wir überprüfen, ob es wen erwischt hat. Während des Riots verlieren wir uns schon mal aus den Augen, bisher
haben wir uns aber fast immer wieder gefunden, spätestens eben nachher. Wer du also alle verloren hast, versuch Ruhe zu bewahren. Du wirst vermutlich nicht lang alleine bleiben, und falls doch, gibt es noch den letzten Treffpunkt.

Wenn der Riot vorbei ist, ist es vorbei. Eigentlich ist das gut zu
merken. Die Bullen haben eine für sich vorteilhafte Situation erzeugt, alle großen Ansammlungen sind zerstreut, und die Leute ganz in schwarz werden nach und nach immer weniger. Dann ist es für uns Zeit, sich erstmal zurück zu ziehen. Wie weit, und ob wir dann schon nach Hause fahren, hängt immer von den konkreten Umständen ab. Überhaupt ist für uns die Abreise ein wichtiger Aspekt, der immer auch schon im Vorfeld vollständig geklärt ist. Wir mögen die Vorstellung nicht, auch wenn wir uns der verfänglichen Sachen schon entledigt haben, auf dem  Heimweg noch kontrolliert zu werden.

Nach dem Riot entsorgen wir an Klamotten was geht. Auf der anderen Seite geht die Spurensicherung los, und falls du bisher geglaubt hast, dass die Bullen bei einem großen Riot nicht so viele Spuren sichern, dann solltest du diesen Glauben ablegen, sie sichern leider einfach überall so gut es geht Spuren. Und dafür sammeln sie auch schon mal Steine auf und durchforsten alle Mülleimer der Gegend, um zum Beispiel deine Wechselklamotten zu finden. DNA und Fingerabdrücke sind so gut es geht im Vorfeld schon zu vermeiden, im Nachhinein ist auf sinnvolles Entsorgen der eigenen Sachen zu achten. Sinnvoll heißt eben, dass du es so entsorgst, dass eine engagierte Spurensicherung dir nicht auf die Schliche kommen kann. Wir gucken überhaupt immer, dass wir zeitig wegkommen und verpassen dann lieber noch etwas, die nächste Gelegenheit
kommt bestimmt.

Zuhause entsorgen wir dann auch noch mal Kram. Wenn wir zum Beispiel in Frankfurt waren, dann gucken wir, das wir keine Karte von Frankfurt mehr zu hause haben. Ausflüge halten wir so gut es geht schon im Vorfeld geheim, und auch im Nachhinein vermeiden wir es, dass viel über unsere Tätigkeit bekannt wird. Wir haben festgestellt, dass nach einem schönen Riot die Aufmerksamkeit was Vorsicht angeht, erstmal runter geht, und
versuchen hier so gut es geht, gegen zu arbeiten. Gespräch über das, was gelaufen ist, führen wir nur im vertrauten Kreis, wenn möglich, da aber ausführlich. Was war gut? Was war schlecht? Was ging gar nicht? Was hätten wir gerne gemacht, aber konnten nicht? Was müssen wir nachträglich noch in Erfahrung bringen? Hat es jemanden erwischt? Ist Soliarbeit nötig? Sollen wir einen Bericht schreiben? Was kommt als Nächstes?

Und dann geht es eigentlich wieder von vorne los. Was lässt sich zusammenfassend noch einmal sagen? Vielleicht zumindest,
dass wir denken, dass wer regelmäßig am Riot seine Freude haben will, seinen Alltag etwas umstellen muss. Sich über das tatsächliche Vorgehen der Bullen informieren muss, was Ermittlungen angeht. Sich mit Überwachung gut auskennen sollte. Wissen muss, wie Spuren vermieden werden. Solidarität auch im Handgemenge praktisch werden lassen muss. Es lässt sich leider nicht alles absichern, ein Restrisiko bleibt immer. Halte es so klein wie möglich, und Vorsicht ist besser als Nachsicht.
Wir sehen uns!

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.