Redebeitrag bei der Queerpride 2026

English version below


Auch dieses Jahr waren wir wieder bei der  mit am Start. Diesmal mit einem Redebeitrag zu Queer sein im Knast. #

Queer im Knast…
Piper sitzt wegen Drogenhandels für 15 Monate im Frauenknast und trifft dort ihre Ex Alex wieder. Sie hatten sich aus den Augen verloren aber der Knastalltag bringt sie wieder zusammen. Nicky, die ebenfalls wegen Drogen, Diebstahl und Einbrüchen im Knast sitzt, liebt ihre Mitgefangene Lorna aufrichtig und innig. Sophia, eine Transfrau die wegen Kreditkartenbetrugs im selben Knast ihre Zeit fristet, arbeitet dort als Friseurin und kümmert sich um die haarigen Angelegenheiten der Mithäftlinge und Susanne, die ihren Ehemann umgebracht hat, entdeckt im Knast ihre Liebe zu der Butch Walter… Klingt nach ganz netten queeren Geschichten im Gefängnisalltag? Sind es auch. Zumindest bei „Orange is the new Black“ und „Hinter Gittern – der Frauenknast“. Aber bei Netflix und RTL ist eben vieles möglich.

Denn die Realität für queere Gefangene sieht ganz anders aus. Besonders transgeschlechtliche Inhaftierte werden vom Knastsystem gegängelt, schikaniert und oft wegen ihres Geschlechtes letztendlich doppelt bestraft. Das Ausleben von homosexuellem Begehren im Knast ist für Häftlinge mit Angst, Ausgrenzung, Gewalt und Diskriminierung verbunden.
Doch wie läuft das überhaupt im Knast queer zu sein? Wer bestimmt in welchen (binären) Knast man kommt, wenn man Transgeschlechtlich oder Nicht-Binär ist? Gibt es einen Anspruch auf Therapie und Hormonone?
Soviel schon mal vorweg: Es ist wie immer kompliziert und eine einheitliche Linie gibt es sowieso nicht – Alle machen ein bisschen das was sie wollen. Die Unterbringung von queeren Personen im deutschen Strafvollzug ist Ländersache – d.h. jedes Bundesland hat eigene Vorgaben – und in der Regel ist am Ende eh alles eine Einzelfallentscheidung. Orientiert wird sich am rechtlichen Geschlechtseintrag – Sicherheitsrisiken, Gefährdung der betroffenen Person und Schutz der Mitgefangenen fließen aber ebenfalls in die Entscheidung ein, in welchem Gefängnis eine Person die Haftstrafe absitzt. Das ganze funktioniert natürlich nur strikt binär zweigeschlechtlich. Wenn eine Transfrau also (noch) keinen geänderten Geschlechtseintrag hat, landet sie meist in einem Männergefängnis. Da dies aber häufig eine Gefahr für die Frauen darstellt, kann eine  sogenannte Schutzhaft angeordnet werden und sie werden in seperaten Bereichen untergebracht. Die meisten Gefängnisse haben nun aber innerhalb ihrer menschenverhachtenden Mauern nur bedingt Platz. Was dazu führt, dass z.b. Trans Gefangene am Ende nicht in Schutz- sondern in Isolationshaft sitzen. So wie es bei Maja in Deutschland und Ungarn der Fall war und immer noch ist. 
Ein kleiner Exkurs zur Isolationshaft: Namentlich existiert in Deutschland garkeine Isolationshaft. Denn das Stafvollzugesetz regelt eigentlich nur die: „Absonderung von anderen Gefangenen“ – also die Einzelhaft. Dass klingt viel besser. Das klingt nach Einzelzimmer, Privatsphäre und Ruhe. Diese darf maximal 3 Monate verhängt werden. Praktisch ist es aber Isolationshaft und völkerrechtlich gilt Isolationshaft, die länger als 15 Tage dauert, als Folter!! Der „europäische Ausschuss zur Verhütung von Folter fordert schon lange, ein Verbot davon.
Noch einmal kurz zurück zu Maja. Maja ist ein*e nicht-binäre*r Beschuldigte*r im sogenannten „Budapest-Komplex“. Maja saß hier in Dresden in der JVA und wurde dort von anderen Gefangenen queerfeindlich angegriffen. Daraufhin wurde Schutzhaft (also Isolation) verhängt. Am 27. Juni 2024 wurde Maja rechtswidrig nach Ungarn ausgeliefert und sitzt dort nun seit dem 28. Juni 2024 wieder in Isolationshaft. Also seit fast 2 Jahren. Das sind 722 Tage! Seit 722 Tagen Allein, mit Videoüberwachung und ständigen Kontrollen der Zelle. Seit 707 Tagen ist das offiziell Folter! Aufgrund der beschissenen Bedingungen trat Maja zwischenzeitlich für 40 Tage in den Hungerstreik und wurde in ein Haftkrankenhaus verlegt. Maja berichtete, dass es dort besser sei. Denn Maja konnte zum Fenster raus schauen und das Krankenhauspersonal war menschlicher Kontakt. Wie krank muss eine Gesellschaft sein, dass sie Menschen dazu bringt, sich fast zu Tode zu Hungern, um dann die nicht mehr aufschiebbare Rettung als den „Sozialen Segen“ zu verstehen? Was geht in den Köpfen derer vor die Andere dazu bringen solche Schritte zu gehen? Und das Ganze dann als „Schutz“ zu verkaufen. Das perfide dahinter ist auch, dass Maja diesen Schutz braucht, weil Maja in Ungarn garnicht existiert. Denn Queeren, Trans, Inter und Nicht-Binären Menschen wurde in Ungarn per Verfassung die Existenz aberkannt.
Der ungarische Staat verstößt damit klar gegen die europäische Grundrechtecharta. Wenn dies die Bedingungen sind, unter denen queere und trans Personen bereits in U-Haft leiden, müssen wir hoffen, dass Magyar seine versprechen Wahr macht und Antidemokratische Gesetze unter Urban wieder ändert – Ansonsten können wir uns denken was Aktivist*innen dort in den nächsten Jahren bevor stehen wird.
Aber zurück nach Deutschland. Wie ist das nun, wenn queere Menschen im Knast auf Hormone oder Therapie angewiesen sind? Wenn man das Glück hat, bereits vor einer Haftstrafe Hormone durch ein*e Ärzt*in verschrieben bekommen zu haben, dann muss diese Versorgung im Knast weitergeführt werden. Und ist wohl meistens auch möglich. Denn das sogenannte Äquivalenzprinzip sagt, dass die medizinische Versorgung im Knast der in Freiheit entsprechen muss.
Wenn eine Person aber erst im Knast mit ihrer medizinischen Transition beginnt wird es schwierig – theoretisch ist es möglich – praktisch scheitert es aber an einem unglaublichen Berg von Bürokratie. Denn es braucht Gutachten und Indikationsschreiben. Therapeutische Begleitung und Fachärzt*innen zu finden, welche für die Behandlung in den Knast kommen, ist schwierig. Anträge auf Ärzt*innenbesuche außerhalb des Knasten können abgelehnt werden oder liegen Ewigkeiten auf der Zu-Bearbeiten-Ablage im Büro der Knastleitung. Wenn dass schon der bei binären-Transgeschlechtlichen Personen der Fall ist, wie sieht das dann für nicht-binäre Gefangene aus – also denjenigen, die einen diversen oder gar keinen Geschlechtseintrag haben? Die Knäste haben damit bisher wenig Erfahrung. Die JVA Dresden z.B. löst auch das im Einzelfall und bezieht sich auf ihr „Hausrecht“. Wie solch eine Einzelfallentscheidung durch eine JVA-Leitung aussieht können wir uns ausmalen: entlang körperlicher Normen wird bestimmt, wer welchem binären Geschlecht entspricht und in welches Gefängnis kommt. Aber Knäste haben nunmal per se nix mit Selbstbestimmung zu tun und somit ist auch das SBGG einen Scheiß Wert wenn es ums Wegsperren von Menschen geht. 
Deshalb gilt weiterhin:
Wer sich heute gegen die Faschisierung der Gesellschaft stellt muss auch damit rechnen ins Visier der Behörden zu geraten. 
Das Problem anzugehen und eine Lösung zu finden bedeutet, dass Problem bei der Wurzel zu packen: Gefängnisse gehören abgeschafft! Knäste zu Baulücken und Baulücken zu Gemeinschaftsgärten.

We took part in the Queer Pride Dresden this year too and held a speech about Queerness in Prison

Queer in Prison…

Piper is imprisoned for 15 months in a women’s prison because of drug dealing and meets her ex, Alex, there. They had lost view of each other, but daily prison life brings them back together. Nicky, who is also in prison for drug dealing, robbery, and housebreaking, loves her fellow inmate Lorna truly and deeply. Sophia, a trans woman serving time in the same prison for credit card fraud, works there as a hairdresser and takes care of her fellow inmates’ hair, while Susanne, who killed her husband, finds love in prison with the butch Walter… Sounds like some pretty nice queer stories in everyday prison life? They are. At least in “Orange Is the New Black” and “Behind Bars: The Women’s Prison.” But on Netflix and RTL, just anything is possible.

But the reality for queer prisoners looks very different. Transgender inmates, in particular, are restricted, harassed, and often punished twice because of their gender. Living out homosexuality in prison is associated with fear, exclusion, violence, and discrimination for prisoners.

But how does it work, to be queer in prison? Who decides which (binary) prison you’re sent to if you’re transgender or non-binary? Is there a right to therapy and hormone treatment?

First things first: As always, it’s complicated, and there’s no uniform policy anyway—everyone does a little bit whatever they want. The placement of queer individuals in the German prison system is a matter for the federal states—meaning each state has its own regulations—and in the end, it usually comes down to a case-by-case decision anyway. The legal gender registration is used as a reference, but security risks, the safety of the person concerned, and the protection of fellow inmates are also factored into the decision regarding which prison a person will serve their sentence in. Of course, this system only works strictly on a binary, two-gender basis. So if a trans woman hasn’t (yet) had her legal gender changed, she usually ends up in a men’s prison. However, this often puts women at risk, and so-called “protective custody” may be ordered, with them being housed in separate areas. Most prisons, though, have only limited space within their inhumane walls. This leads to situations where, for example, trans prisoners end up in isolated custody rather than protective custody. This was—and still is—the case for Maja in Germany and Hungary.

A short note on isolated custody: Technically speaking, isolated custody does not exist in Germany. This is because the Prison Law only regulates the “separation from other prisoners”—that is, individual custody. That sounds much better. It sounds like a private room, privacy, and peace and quiet. It may be imposed for a maximum of 3 months. In practice, however, it is isolated custody, and under international law, isolated custody that lasts longer than 15 days is classified as torture!! The “European Committee for the Prevention of Torture” has long been calling for a ban on it.

Let’s go back again to Maja for a moment. Maja is a non-binary prisoner in the so-called “Budapest Complex.” Maja was sitting in the Dresden prison and was harassed by other prisoners there in a queerphobic attack. As a result, protective custody (i.e., isolation) was imposed. On June 27, 2024, Maja was unlawfully extradited to Hungary and has been held in isolative custody there again since June 28, 2024—that is, for almost 2 years. That’s 722 days! Alone for 722 days, under video monitoring and constant cell checks. For 707 days, this has officially constituted torture! Because of the terrible conditions, Maja went on a hunger strike for 40 days and was transferred to a prison hospital. Maja reported that conditions were better there. Because Maja could look out of the window, and the hospital staff meant human contact. How sick must a society be to push people to hunger themselves nearly to death, only to then interpret their rescue—which can no longer be postponed—as a “social blessing”? What goes on in the minds of those who push others to take such steps? And then to sell the whole thing as “protection.” The perverse thing about this is that Maja needs this “protection” only because Maja does not even exist in Hungary. After all, queer, trans, intersex, and non-binary people have been denied the right to exist under the Hungarian Constitution.

The Hungarian government is clearly breaking the European Charter of Fundamental Rights. If these are the conditions under which queer and trans people are already living in prison, we have to hope that Magyar keeps his promise and reverses the anti-democratic laws passed under Urban—otherwise, we can only imagine what activists there will face in the coming years.

The Hungarian government is clearly breaking the European Charter of Fundamental Rights. If these are the conditions under which queer and trans people are already living in prison, we have to hope that Magyar keeps his promise and reverses the anti-democratic laws passed under Urban—otherwise, we can only imagine what activists there will face in the coming years. But back to Germany.

What happens when queer people in prison need hormones or therapy? If you’re lucky, you’ll have already been getting hormones prescribed by a doctor before your sentence began, then you’ll need to continue that treatment in prison. And in most cases, that’s possible. After all, the so-called “equivalence principle” says that medical care in prison must be equivalent to that received outside of prison. Requests for doctor visits outside the prison can be denied or lie for ages in the “to-be-processed” box in the prison administration’s office. If this is already the case for binary transgender people, what does it look like for non-binary prisoners – those who have a diverse gender entry or none at all? Prisons have had little experience with this so far. The Dresden prison, for example, handles this on a case-by-case basis and refers to its “house rules.” We can imagine what such a case-by-case decision by prison administration looks like: physical norms are used to determine who corresponds to which binary gender and which prison they’ll be sent to. But prisons, by their inherent nature, have nothing to do with self-determination, and so the SBGG is worthless when it comes to sentencing people to prison.

That’s why the following principle still holds true:

Anyone who stands up against the fascistization of society today must also expect to be targeted by the authorities.

To attack the problem and find a solution means grabbing it by the roots: Prisons must be abolished! Turn prisons into buildings lots, and buildings lots into community gardens.

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